Prädestination ist die Lehre von der Vorherbestimmung. Insbesondere Christen glauben oft daran, “Gott” habe ihr Schicksal irgendwie vorherbestimmt, was natürlich voraussetzen würde, dass es so etwas wie einen freien Willen nicht gibt.
Nun man mag ja glauben, was man will, solange der Glaube aber eben ein Glaube ist, gebietet es die Vernunft, ihn zu hinterfragen. Das sollte beispielsweise auch für die Naturwissenschaftler gelten, die fest an das Standardmodell der Kosmologie (das sogenannte ACDM-Modell) glauben: Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik – das Gesetz der zunehmenden Entropie – gilt tatsächlich als gesichert und wird vom Mainstream der Naturwissenschaftler in seinem Gültigkeitsbereich kaum ernsthaft angezweifelt. Daraus wird häufig gefolgert, dass das Universum unaufhaltsam einem Zustand maximaler Entropie – dem sogenannten Wärme- oder Kältetod – entgegenstrebt.
Ketzerische Frage eins: Ist es nicht bemerkenswert, dass ausgerechnet das “Schicksal” des Universums – ähnlich wie das Schicksal der Gläubigen in der theologischen Prädestinationslehre – zum Gegenstand von Glaubenssätzen wird? Und mehr noch: Sollte nicht gerade die Bereitschaft ein solches Modell infrage zu stellen, der entscheidende Unterschied zu einem fragwürdigen religiösen Dogma sein – auch dann, wenn im Alltag beide oft mit dem Anschein der absoluten Gewissheit vorgetragen werden?
Und Frage zwei: Glauben wir nicht alle mehr oder weniger an die Lehre der Prädestination, falls wir voraussetzen (wie beispielsweise Martin Heidegger mit seinem Begriff des “Seins zum Tode”), dass alle Existenz auf den Tod hin ausgerichtet sei? Interessanterweise entwerfen neuere Ansätze aus Emergenz- und Komplexitätsforschung hier ein Gegenbild, indem sie zeigen, dass gerade aus zunehmender globaler Entropie lokal immer wieder neue, hochkomplexe Ordnung enstehen kann: Leben, Bewusstsein, Geist. Darin zeigt sich eine paradox anmutende Konstellation: Das kosmische “Sein zum Tode” und das lokale, immer neue Werden schließen sich demnach nicht aus – sie bedingen einander sogar.
Im Prinzip haben wir es hier mit dem Phänomen der Kontemplarität zu tun, das Niels Bohr im Bereich der Quantenphysik entdeckt hat, das aber bereits in der Bibel vielfach belegt ist, wenn auch in der damaligen biblischen Symbolik. Das eine muss vergehen, damit das andere kommen kann. Jesus, der Menschensohn, von einem Weibe geboren, musste gehen, damit der Gottessohn kommen kann. „Himmel und Erde werden vergehen“ (die Entropie), ein neuer Himmel und eine neue Erde werden kommen, die Negentropie, wie es Erwin Schrödinger in einem analogen Kontext nannte.